Verantwortung geteilt durch zwei

Hans Hentschel hat gerne einen Plan. Deshalb war der Chef des Kirchenkreises Bramsche erst skeptisch, dass ein gerade mal 22-jähriger Youngster ein lokales Projekt zum Reformationsjubiläum in Eigenregie stemmt – und das vor laufender Kamera. Doch Reformation ist, wenn man(n) mit Gewohntem bricht. Superintendent Hentschel ließ sich daher auf das Vorhaben Film ein, spielte mit, behielt aber einen strategischen Vorteil: das E-Bike.

Kai-Fabien Rolf musste aus eigenem Antrieb in die Pedale treten, einmal quer durch den Kirchenkreis, im Hinterkopf die Frage, „was Martin Luther den Menschen heute noch sagt“, erzählt der junge Mann, während am Computerbildschirm sein fertiger Film läuft: „Unterwegs mit Luther“, 33 Minuten und 45 Sekunden lang. Das Video hat Kai gerade bei YouTube hochgeladen. Ein Jahr liegt die Reise zurück. Nachwirken wird sie noch länger: „Als der Film beim Sommerfest des Kirchenkreises lief, hatte ich keine zu hohen Erwartungen, dass die Gäste ihre Gespräche unterbrechen oder die komplette halbe Stunde zuschauen“, sagt Kai, „doch genau das passierte, es war mucksmäuschenstill.“

Die Reformation ist damit nicht abgedreht, sondern hat – geht es nach Kai-Fabien Rolf – gerade erst begonnen. „500 Jahre Reformation. Not finished“, nicht beendet, lautet der Untertitel des Films. Vorläufig dokumentiert er, dass Martin Luther bei den Niedersachsen einen Stein im Brett hat: Werte, Identität, Heimat, soziales Miteinander, alles undenkbar ohne den „Player“ evangelische Kirche. Mediengestalter Rolf zeigt nicht nur das, er wollte „ein Medium finden, das zu den Menschen passt und das Thema Reformation in die Gegenwart transportiert“. Die Idee des Roadmovies im Sattel sei ihm in der Neujahrsnacht gekommen, verrät er. Perspektivisch hofft der heute 23-Jährige, die Bramscher für den regelmäßigen Einsatz von Film und sozialen Medien zu begeistern. Sein „Reformations“-Wunsch ist:

„Dass es uns gelingt, Werte und Bräuche, auch kirchliche Feste oder Aktionen, mit modernen Medien zu erzählen. Das kann funktionieren und wird Kirche sehr authentisch machen, nicht nur für  Jugendliche, für jeden.“

Medien in der kirchlichen Jugendarbeit sieht Kai nicht als Methode, junge Menschen anzusprechen, sondern – ganz reformatorisch bewertet – als Chance, mitzugestalten.

„Das setzt voraus, sie sind da. Und man lässt sie ran, teilt die Verantwortung.“

Dass er sich bis zum Superintendenten vorwagte, schildert Kai augenzwinkernd, sei Ergebnis „einer Bilderbuchkarriere“ in der Jugendarbeit seiner Gemeinde:

„Konfirmand, Mitglied der Jungen Gemeinde, Jugendgruppenleiter, man gab mir den kleinen Finger, ich nahm die ganze Hand, schlug ein und machte was draus“.

Derzeit kümmert sich Kai, der inzwischen im zwei Autostunden entfernten Hannover lebt und arbeitet, um die Medienarbeit der evangelischen Jugend des Kirchenkreises. Ehrenamtlich. Bei Fahrten ist er mit der Kamera dabei, filmt und postet die Highlights, die Familien und andere Gemeindemitglieder zunehmend aufrufen und teilen. „Ich freue mich über jeden Klick“, gesteht der junge Medienmacher.

Während der Reformations-Radtour mit dem Superintendenten ließ es Kai bewusst darauf ankommen, „spontan in den Gemeinden zu stoppen. Die wussten, das irgendwas kommt, aber nicht, was genau. Ich wollte, dass alle so authentisch wie möglich sind und kein Programm abspulen“. Entsprechend hat eine Gruppe Jugendlicher, die über Martin Luther als „irgendwen wichtigen“ räsonierte und die Zuordnung als Bundespräsidenten vorschlug, bei Kai gepunktet.

„Jeder hat etwas über Luther zu sagen. Das wird auch so bleiben, wenn das Reformationsjubiläumsjahr vorbei ist.“

Not finished. Warum nicht auch das präsidiale Gedankenspiel weitertreiben: „In der Bundesversammlung“, glaubt Kai-Fabien Rolf, „hätte Martin Luther sicher abgestimmt.“ Bleibt die Frage, welche Partei ihn entsendete.

Hans Hentschel hat die Erfahrung, Verantwortung mit der jungen Generation zu teilen, als positiv verbucht. Auch ihm ist aufgefallen, dass sie mitzieht, sobald es Richtung Event geht. Wenn das mit dem kirchlichen Auftrag zusammenpasst, scheint er am Ende des Films dafür aufgeschlossen. Kai: „Er sagte mir, es war ein Experiment, die Planung aus der Hand zu geben.“ Klingt, als sei eine Wiederholung nicht ausgeschlossen.

Fotos: MEJB

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