Jung und wählerisch

Der Reformation begegnet Kassandra Becker selbstbewusst. „Meine Heimat hat die Reformation erst möglich gemacht“, scherzt die Mainzerin – in Anspielung auf die Erfindung des Buchdrucks durch Johannes Gutenberg. Die maßgeblichste technische Neuerung der Lutherzeit, made in Mainz, die Nachrichten und Schriften in großer Zahl schnell und günstig zugänglich machte, weckte bei immer mehr Menschen das Interesse an Mitbestimmung und Veränderung. Mediennutzung und der Wunsch, teilzuhaben, ergänzten sich.

Wie politisch aktiv ein Mensch ist, hängt von der Gesellschaft ab. „Junge Menschen sind den Erwachsenen häufig zu unpolitisch“, vergleicht Kassandra Becker. Wahlweise auch: Zu angepasst, zu wenig streitbar, zu ich-fixiert. Fertig ist das Bild einer zahmen Generation von Wohlstandskindern, und noch schneller ist es kommuniziert, „statt dass man sich die Mühe macht, unsere Werte und Interessen gleichberechtigt wahrzunehmen. Denn die gesellschaftliche Wirklichkeit verändert sich enorm.“ Dass ihre Altersgruppe fantasielos und politikverdrossen ist, hält Kassandra für ein vorschnell gefälltes Urteil. Dem sie sich als Teil der Bewegung „Demokratie braucht dich“ widersetzt.

Darauf, das Wahljahr 2017 mit reformatorischer Brille zu betrachten, ist die 27-Jährige zwar noch nicht gekommen, den Vergleich findet sie jedoch passend: „Reformation hat viele Perspektiven. Das war ein Wake-Up-Call damals.“ In Europa hatten die jüngsten Wahlen ähnlichen Weckruf-Charakter, „sie haben viele Menschen bestärkt, sich einzubringen, damit die Chancen eines vereinten Europas gewahrt bleiben“. In weniger als vier Wochen wählt Deutschland. Kassandra Becker ist für ihre Aufgabe bei „Demokratie braucht dich“ der NGO Polis180 nach Mainzer Tradition gut aufgestellt: Sie will den Raum vergrößern, in dem junge Leute mitbestimmen, und die Methode flexibler machen.

„Junge Menschen sind anders politisch. Ihre Interessensfelder stehen häufig im Konflikt mit bestehenden und werden deshalb abgewertet, etwa wenn jemand lieber bei einer NGO mitwirkt statt in einer Partei, oder wenn das Engagement zeitlich begrenzt ist. Folglich sinkt die Bereitschaft, junge Erwachsene einzubeziehen oder ihnen Verantwortung zu übergeben. Das muss sich ändern.“

Erstmals wird es zu den Bundestagswahlen am 24. September eine Briefwahl-Challenge geben: „Jung und wählerisch“, unter diesem Motto sind Erstwähler und Bundesbürger bis 30 Jahre – das sind 9,4 Millionen Menschen – zum Briefwählen aufgerufen: Jeder, der sein Kreuz nicht im Wahllokal macht, sondern woanders, kann davon vor Ort ein Selfie machen und das Foto mit dem Hashtag #jungundwaehlerisch hochladen, ehe er die Briefwahlunterlagen in die Post gibt.

„Briefwahl hat bei uns den Status einer Ausnahme. Die Atmosphäre im Wahllokal wird als Erlebnis kommuniziert, Briefwahl als weniger attraktive Alternative. Diese Einstellung hält junge Menschen vom (Brief-)Wählen ab, obwohl die Methode perfekt auf sie zugeschnitten ist.“

Noch kein Wahl-Selfie aber ein Motiv, das Kassandra gut kennt. Wenn sie am Tag einer Wahl ihre Wahlheimat Berlin verließ und ihre Familie in Mainz (im Hintergrund der Rhein und die Theodor-Heuss-Brücke) besuchte, kam nur Briefwahl infrage.

Ein Beispiel aus den Niederlanden fällt ihr ein: „Dort werden am Wahltermin die Bahnhöfe zu Wahllokalen. Wer auf Reisen ist, kann von unterwegs wählen“. Notwendig sei nur der Nachweis über die Wahlberechtigung. „Das finde ich eine echte Alternative.“ Den Frust, dass Wohn- und Aufenthaltsort am Wahltag nicht übereinstimmen, kennt Kassandra selbst. Sie nimmt ihr Wahlrecht sehr ernst, „aber dass ich spontan verreise oder mir etwas dazwischenkommt“, das sie vom Gang ins Wahllokal abhält, „kommt vor“. Aus dieser Erfahrung schildert sie auch das komplizierte Berliner Antragsverfahren für Briefwahlunterlagen, „das je nach Bezirk online mühsam auffindbar ist und dessen Fristen nicht klar kommuniziert werden“. Kassandras Reformations-Wunsch: Eine transparente, leicht zugängliche Antragsstellung, „und mehr Gewissheit, dass Briefwahlunterlagen in Berlin rechtzeitig verschickt werden. Ich habe meine noch immer nicht erhalten“.

Nach den Bundestagswahlen hat sich das Polis180-Team vorgenommen, mit Vorschlägen, wie man junge Menschen für projektweise oder langfristige aktive politische Mitarbeit gewinnt, auf die Parteien zuzugehen.

Die Challenge #jungundwaehlerisch startet am 12. September. Bei Polis180 engagieren sich bundesweit 250 junge Erwachsene, darunter viele Ehrenamtler, dafür, ihre Altersgruppe politisch mehr einzubeziehen und ihre Lebenswirklichkeit nachvollziehbarer zu machen.

Fotos: Privat

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