„Ein Studium macht hier kaum einer“

Ich bin Devanildo, 19 Jahre alt, und komme aus São Joãn do Garração in Brasilien. Das liegt in der Nähe von Rio de Janeiro, 500 Kilometer sind es bis in die Stadt. Für Brasilien ist das nah. Neben mir steht Jadzya, 16, wir gehen auf dieselbe Schule, eine landwirtschaftlich ausgerichtete Familienschule. Dazu gibt es keine Entsprechung in Deutschland. Wir wohnen im Internat, weil wir aufgrund der Entfernungen und der Verkehrsanbindung nicht täglich nach dem Unterricht nach Hause fahren können. Eine Familienschule ist typisch für die ländlichen Regionen Brasiliens, in denen Landwirtschaft die zentrale Rolle spielt. Jadzya und ich kommen beide von einer Farm. Nach unserem Schulabschluss werden wir zu Hause mitarbeiten und ich die Farm meines Vaters eines Tages weiterführen.

Unsere Schule ist in freier Trägerschaft, sie kostet aber kein Schulgeld. Das ist eine Ausnahme und in Brasilien ein Glücksfall. Freie Schulen sind sonst teuer, staatliche Schulen zwar kostenfrei aber nicht so gut.

„Dass Bildung nichts kostet und trotzdem gut ist, müsste eigentlich selbstverständlich sind. Ist es aber nicht.“

Deutsche Schulen unterscheiden sich von brasilianischen in der Größe und der Art des Unterrichts. Wir haben mehr Schüler in größere Klassen und der Unterricht  ist theoretischer. Im letzten Oberstufenjahr gibt es bei uns zwar auch praxisbezogenen Unterricht, der Anteil ist trotzdem geringer. Die deutsche Variante gefällt mir, weil sie offen ist. Man kann nach dem Abschluss eine Ausbildung machen oder studieren. Man kann ein Praktikum machen oder einen Freiwilligendienst, diese Auswahl kennt man bei uns nicht. Ich bin beeindruckt von den Möglichkeiten, unter denen junge Menschen in Deutschland wählen können, vor allem die Freiwilligendienste, die sogar international möglich sind. Wenn Jadzya und ich gleichaltrige Deutsche darüber reden hören, sind wir fasziniert.

Meine Schule zielt darauf ab, dass alle Absolventen unmittelbar in einen landwirtschaftlichen Betrieb wechseln, meistens in den elterlichen, wie bei Jadzya und mir der Fall. Ein Studium macht hier kaum einer. Studieren ist teuer und das Aufnahmeverfahren der Unis hart. Das schafft man nur, wenn man von einer guten Privatschule kommt.

Der Begriff der Reformation ist bei uns stark kirchlich geprägt. Religion spielt eine große Rolle, auch bei der jungen Generation Brasilianer. In den Gemeinden ist die Jugendbeteiligung hoch. Glaube empfindet niemand als störend oder überflüssig. Christsein gehört dazu. Ich habe kein Problem damit. Die Gemeinden machen Freizeitangebote und sind Treffpunkte. Sie versuchen, die regionalen Unterschiede in der Lebenssituation junger Brasilianer aufzufangen und weniger spürbar zu machen. Ganz auf null setzen kann man sie nicht. Dafür ist das Land zu groß.

„Wie junge Menschen in Brasilien aufwachsen und welche Wege sich ihnen auftun, hängt stark von ihrer Herkunft ab. Die Unterschiede zu transformieren, wäre richtig reformatorisch. Da wären dann sicher alle dafür. Aber das kann dauern, und wenn man jung ist, will man sich nicht gedulden.“

Fotos: Tyrone Basson / Flickr(1)

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