Luther „lokt“, aber hält nicht überall

In knalligen Farben wirbt die Lok für das Lutherjahr. Darauf abgebildet sind die Reformatoren Martin Luther, Jan Hus und Johannes Calvin, sowie eine stilisierte Form von Luthers 95 Thesen. Ihr Design ist das Werk von Ileana Berning. Für die Umsetzung des „Reformotivs“ in Echtgröße, hat Ileana den Entwurf sogar noch farblich nachgebessert und die popartigen Übergänge dem Rot der E-Lok angepasst. Bei der Premiere war die 18-Jährige zufrieden und hält seitdem, wenn sie unterwegs ist, Ausschau nach „ihrem“ Zug. In ihrer Heimatstadt Nordhorn in Niedersachsen bekommt sie ihn wohl nicht zu Gesicht.

„Nordhorns Bahnhof wurde stillgelegt. Wenn ich mit der Deutschen Bahn fahre, muss ich nach Bad Bentheim oder Lingen und von dort den Zug nehmen“, löst Ileana auf, warum der Gewinn des Wettbewerbs auch eine gewisse Komik hat. Scheinbar folgt ihre Geschichte ohnehin eigenen Gesetzen: Zunächst wurde nichts aus der Teamarbeit im Kunstunterricht, die als Wettbewerbsbeteiligung geplant war. Übrig blieben Ileana und ihre Faszination für Geschichte. „Ich lernte da gerade für meine Vor-Abiprüfungen und hatte eigentlich zu wenig Zeit für den Entwurf.“ Eigentlich. Letzlich aber setzte sie sich doch an die Skizze, intensivierte ihre Kreativität angesichts der Kürze der Zeit, fotografierte den Entwurf, lud das Bild online als Anhang zu ihrer Einsendung hoch – und vertiefte sich wieder in die Unterlagen für die tagsdarauf anstehende Klausur. „Zum Glück war das Fach Geschichte und Reformation ein Schwerpunkt, das hat mir die Recherche für das Motiv abgenommen. Luther war bereits da.“

Wie die historische Person des Reformators in den vergangenen 500 Jahren wahrgenommen wurde und wird, interessierte Ileana besonders. Auch, wer seine Weggefährten waren:

„Luther war nicht DER eine Reformator, das mus man viel mehr nach außen tragen. Es gab schon vor ihm Theologen, die wollten, dass sich Kirche verändert und neu aufstellt. Die Reformation war ein Prozess.“

Neben Luther, Hus und Calvin enthielt Ileanas Originalentwurf Porträts von Ulrich Zwingli und – als einzigem Nicht-Reformator – Johannes Gutenberg. „Ohne den geht es meiner Meinung nach nicht“, begründet die Schülerin, „er erfand den Buchdruck. Ohne Bruchdruck hätten sich Luthers Thesen und Schriften nie so schnell verbreitet und die Bevölkerung Lust bekommen, Lesen zu lernen. Der Buchdruck erhöhte das Tempo der Reformation, dadurch war sie erfolgreicher.“

Das Tempo bleibt hoch. Die Thesentür 2017 schafft eine Geschwindigkeit von bis zu 220 Stundenkilometern. Luthers Forderungen haften passgenau am Einstieg der Reformations-Lok. Ihre Längsseiten sind indes luftiger geworden, aus den fünf Köpfen wurden drei; Gutenberg und Zwingli fielen weg, nachdem die Bildrechte ihrer Porträts nicht zweifelsfrei geklärt werden konnten. In Pop-Art-Manier hatte Ileana Berning bereits existiertende Zeichnungen farblich aufgepeppt und schattiert. Passend zu ihrem Verständnis von Reformation als einem Prozess, Übergänge und Zitate inbegriffen.

„Ich bin nicht sehr religiös. Die Entwicklung, deren Teil die Reformation war, fasziniert mich trotzdem, weil historische Situationen immer wiederkehren und alles irgendwie zusammenhängt. Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, ohne ihr Maximum zu erreichen. Es gibt immer Raum für neue Veränderungen.“

Am Tag vor ihrer letzten schriftlichen Abiprüfung malt sich Ileana Berning die Zukunft aus. Kunst spielt darin eine Rolle. „Ob ich mich aber dem Druck aussetzen will, von meinem Hobby leben zu können, weiß ich noch nicht. Jura ginge auch.“

Fotos: Deutsche Bahn (2) /Privat (4)

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