„Begegnung hilft der Freiheit auf die Sprünge“

Ich heiße Tarik Haizoune. Ich komme aus Casablanca in Marokko und besuche derzeit meine Schwester, sie lebt seit ein paar Jahren mit ihrer Familie in Deutschland. Ich habe zwei kleine Neffen, die nur Deutsch mit mir sprechen. Ein wichtiges Wort habe ich beim Spielen schon gelernt: „Kaputt“.  Ohne Worte eingeprägt hat sich ein anderes Erlebnis: Als ich abends am Bahnhof auf meinen Schwager gewartet habe, gingen drei Teenager an mir vorbei. Drei Mädchen. Abends. Alleine. Respekt, dass so etwas möglich ist!

Ich wäre begeistert, junge Frauen in Casablanca könnten abends sicher ausgehen und sicher alleine nach Hause gehen. Meine älteste Schwester lebt in Stockholm, ihre 18-jährige Tochter macht es genauso. Das ist ein Vorteil an Europa.

Ich bewundere, dass die öffentliche Sicherheit in Europa so gut ist.

Meine Vision wäre, dass Casablanca irgendwann auch so sicher ist. Das wäre Reformation. Außerdem sollte das Leben junger Menschen weniger Vorschriften haben. In Marokko stehen wir erst am Anfang. Es wäre schön, wenn Europa uns dabei unterstützt, unsere Gesellschaft zu öffnen. Freiheit anwenden müssen wir selbst, das ist mir klar. Doch Begegnung hilft der Freiheit auf die Sprünge. Ihr in Europa seid dazu nicht verpflichtet. Umso dankbarer sind wir, wenn ihr mitmacht.

Die Reformation ist ein spannendes Thema. Dass ich mich dafür interessiere beruht darauf, wie ich meine Heimat interpretiere – als Teil des Mittelmeerraumes. Vor 3000 Jahren waren Orient und Okzident einheitlicher als heute. Hier wurden die Schrift erfunden und neue Gesellschaftsmodelle entwickelt. Die Kulturen des Mittelmeerraumes waren einst sehr modern und bis ins Mittelalter Stichwortgeber. Dann kam die Reformation und mit ihr entfernten sich Orient und Okzident voneinander. Europa hat sich stetig entwickelt. Auf Reformation und Humanismus folgte die Aufklärung, dann die Französische Revolution. Die Menschen hatten den Willen, ihr Leben zu gestalten. Ihr Glaube hinderte sie nicht mehr daran, sondern hat sie ermutigt. Die Auffassung, dass wir unsere Gesellschaft instandhalten müssen, hält sie gesund.

Ich empfinde ich die Entwicklung von Orient und Okzident in zwei Geschwindigkeiten.

Wir Muslime müssten unseren Glauben genauso einsetzen, als Kraft und Inspiration, etwas in unserem Leben und unserer Gesellschaft positiv verändern zu können. Wir müssen Frauen gleichberechtigt einbeziehen. So denkt nicht jeder, ich weiß. Ich denke so, weil meine Familie liberal ist. Ich will davon etwas weitergeben.

Indem wir stehenbleiben, tut sich nichts. In Casablanca gibt es ganze Viertel, deren junge Erwachsene weggehen, viele zieht es nach Europa. Zuhause sitzen sie fest. Die berufliche Perspektive reicht nicht aus. Sie verdienen nicht genug Geld, um eine Familie ernähren zu können. Sie sind abhängig und das ist frustrierend. Es macht sie kaputt. Gehört werden sie auch nicht. Also kaufen sie sich ein Ticket und gehen. Die Behörden stellen es aus und sehen weg. Ich wünsche mir eine Zukunft für junge Menschen in meinem Land. Unsere Werte sind von denen Jugendlicher in Europa gar nicht so weit entfernt. Ich wäre gerne optimistischer, dass wir das Mittelmeer wieder als Gemeinsamkeit begreifen. Aber durch die Reformation habe ich auch gelernt, dass solche Entwicklungen Generationen dauern.

Fotos: Privat / flickr (4)

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