Die Schuhe sind mein Standing

Welche Spuren ein Mensch hinterlässt und was ihn bewegt, ist das seinen Schuhen anzusehen? Das Kunstprojekt „Do I know you?“ (Kennen wir uns?) befasst sich damit. Die schwarzen Converse-Schuhe mit dem Regenbogen gehörten Faye. Die junge Britin erzählt, welche Schritte sie darin gemacht hat. Weil Faye beruflich gewohnt ist, mit sensiblen Daten von Menschen zurückhaltend umzugehen, möchte sie nur ihren Vornamen nennen.

Hello there! Ich bin Faye, Mitte zwanzig, und ich lebe seit fünf Jahren in London. Fünf Jahre, die für mein Empfinden schnell vergangen sind. Aufgewachsen bin ich in Cambridge. Ich schätze man nennt das gesicherte Verhältnisse. Bürgerliches Umfeld. Ich habe starke Werte vorgelebt bekommen, das ist gut. Aber ein solides Umfeld bedeutet auch Grenzen. Deshalb zog es mich nach der Schule raus, nach London. Ich wollte eine Veränderung.

London ist eine Stadt, die in Bewegung ist und deren Mentalitäten-Mix eine große Anziehung auf junge Leute ausübt; auch auf mich. London hat mich angezogen. Ich ging auf  eine Expedition, die mich mit dem Leben konfrontiert hat, bestehend aus: Philosophie-Studium, Begegnungen, Gesprächen. Seit dem Abschluss habe ich das Gefühl, dass ich mein Leben, meine Werte und woran ich glaube, im Griff habe. Ich bin mit dem anglikanischen Bekenntnis aufgewachsen, das Nächstenliebe und Pflichtbewusstsein betont. Ich bringe das mit meiner persönlichen Philosophie zusammen.

Es interessiert mich, was andere Leute über mich denken und was im Leben für sie einen Wert hat.

Heimat und Identität sind konstant, aber ausbaufähig. Indem ich eine Heimat hinzugewinne, nimmt das Einfluss auf meine Identität. Meine Herkunftsheimat ist ein sicherer aber auch vorhersehbarer Ort. Als Kind ist Sicherheit wichtig. Das Gefühl stellt sich bei mir jedes Mal wieder ein, wenn ich meine Eltern besuche. Ich mag es. Aber nach ein paar Tagen langweilt es mich. Das ist der Punkt, an dem ich nach London zurückkehre. Der neue Teil von mir, meine hinzugewonnene Identität, identifiziert sich mit dieser Stadt. Man hat dort nicht das Gefühl, sich festlegen zu müssen. Das gefällt mir.

Ich besitze um die zehn Paar Schuhe. Ich trage sie abschnittsweise. Ich habe in jeder Phase meines Lebens ein Paar Lieblingsschuhe. Die Schuhe sind mein Standing. Die Turnschuhe, die ich in dieses Projekt einbringe, trug ich vor allem während der Zeit meines Abiturs und kurz danach. Diesen Zeitraum habe ich als wichtige Zäsur empfunden. Ich würde sagen, in den Schuhen habe ich ein neues Kapitel meines Lebens betreten. Was mir nachträglich auffiel, war: Als Teenager versuchte ich, Eindruck zu machen. Deshalb habe ich  die Schuhe bemalt und die dunklen Schnürsenkel durch bunte ersetzt. Als Ausdruck der Suche nach meiner Identität. Inzwischen bleiben meine Schuhe, wie sie sind. Ich stehe jetzt stabil; Größe 38.

Faye berichtet noch, dass die Briten, im Gegensatz zu anderen europäischen Nationen, ihre Schuhe anbehalten, wenn sie das eigene oder ein fremdes Haus als Gast betreten. Sie vermutet, „es hängt damit zusammen, dass man in der Vorstellung eines Engländers ohne Schuhe nicht gut gekleidet ist, und das Haus zügiger verlassen kann, ohne sich an der Tür aufzuhalten.“ 

Fotos: Katrin Hattenhauer

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