„Solange ich jung bin, muss ich mich einmischen“

Ich bin Derya. Ich studiere Pharmazie im dritten Semester und lebe mit meinen Eltern und meinen beiden Geschwistern hier in Berlin. Wir sind Deutschtürken. Meine Eltern sind in der Türkei geboren und vor 30 Jahren nach Deutschland gekommen. Ich habe zwei Pässe und würde mich ungern für einen von beiden entscheiden müssen. Beide Länder, die Türkei und Deutschland, sind Teil meiner Identität. An meinem türkischen Ich mag ich den Rückhalt. An meinem deutschen Ich mag ich, mich einzumischen. Solange ich jung bin, muss ich mich einmischen. Dann bin ich zufriedener, wenn ich erwachsen bin. Ich bringe gerade Aufkleber an, so, dass sie Menschen auffallen, die daran vorbeigehen. „Hayir“ steht darauf, das ist das türkische Wort für Nein. Ich beziehe mich auf das Türkei-Referendum. Ich weiß nicht, ob das was ich mache rechtlich in Ordnung ist, oder ob ein Gesetz verbietet, Aufkleber öffentlich anzubringen. Ich möchte daher lieber nicht meinen richtigen Namen nennen.

Ich möchte auch nicht, dass der Eindruck entsteht, ich wäre ein negativer Mensch. Ich bin ein sehr positiver Mensch. Alle in meiner Familie sind Optimisten. Ein Ja ist mir eigentlich lieber als ein Nein. Meine deutschstämmigen Freunde kennen eher das türkische Wort ja, evet. Es ist eines meiner meist gesprochenen Worte. Außer heute, da sind meine Hände voller Neins. Wenn der türkische Staatspräsident ankündigt, die Türkei besser zu machen, bin ich dafür, weil ich in diesem Moment an meine Großeltern und an meine Verwandten dort denke. Dass sie ihr Leben leben können, wie wir hier, dass sie frei wählen gehen können, dass die jungen Leute die Chance haben, eine gute Ausbildung zu machen und danach einen Job zu finden, und dass Journalisten nicht inhaftiert werden, wenn sie ihre Arbeit machen. Dafür sorgt Demokratie. Das Referendum wird, wenn es Erfolg hat, nicht dafür sorgen. Deshalb mein Nein. Klingt, als sei ich Jurorin in einer Castingshow.

Meine Familie hat Nein gestimmt. Mein Eltern kennen aber viele, die Ja stimmen, in Deutschland und in der Türkei. Die sind der Meinung, der Präsident löst das Parlament schon nicht auf, solange es seine Entscheidungen mitträgt. Die wollen, dass sich etwas bewegt und positiv verändert. Deshalb stehen wir Deutschtürken schnell so da, dass wir Veränderungen ablehnen, die uns im Ausland gar nicht betreffen. Dass wir Fortschritt ablehnen. Dass wir schlechte Patrioten sind deshalb. Das ist falsch. Wir möchten, dass unser Land an Europa dran bleibt. Mein Nein ist deshalb ein Ja, es kommt auf die Sichtweise an.

An die Reformation erinnere ich mich vage aus dem Geschichtsunterricht in der Schule. Soweit ich weiß, war eine von Martin Luthers Forderungen genau die, dass ein Staatschef – oder damals der Kirchenchef – nicht zuviel Macht haben soll. Ist doch so. Macht verdirbt.

Fotos: Privat / Flickr (2)

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