„Glaube ist mein Spielfeld geworden“

Südkorea verbindet man nicht auf Anhieb mit der evangelischen Kirche – dabei ist sie die größte des Landes und eine tragende Säule der Gesellschaft in der südostasiatischen Nation, einem der wirtschaftlich starken Tigerstaaten. Ein Drittel der 48 Millionen Südkoreaner ist evangelisch. Die meisten von ihnen nehmen das Bekenntnis als Jugendliche an; Jeong Seung Won erzählt, was ihn motiviert hat.

Mein Name ist Jeong Seung Won. Ich bin 27 Jahre alt, lebe in Seoul und studiere Gesundheitsmanagement. Dies ist mein erster Besuch in Deutschland. Mein Eindruck? Ganz schön kalt ist es hier. Aber klar, wir haben Winter. Ich bin mit einer Gruppe Studierender aus Seoul hier, wir sind 33 junge Erwachsene, reisen durch Hessen, Thüringen und Sachsen-Anhalt und besuchen Lutherstätten in allen drei Ländern. Dass ich im Zuge dessen wiederum über meine Heimat erzähle, finde ich schön. Das Thema Reformation verbindet. Das fühlt sich vertraut an.

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Ich bin Mitglied der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Südkorea, seitdem ich zwölf Jahre alt bin. Das klingt vielleicht seltsam, aber als Kind hat es mir viel Spaß gemacht, in der Kirche zu spielen. Die Räume waren groß und schön. Und das motivierte mich, weiter in die Kirche zu gehen und mich, je älter ich wurde, stärker mit meinem Bekenntnis auseinanderzusetzen. Ich würde sagen:

Glaube ist mein Spielfeld geworden.

Der für mich wichtigste christliche Wert im Alltag ist die Gerechtigkeit. In Südkorea ist die Situation junger Menschen durch den hohen Grad der Industrialisierung seit den 1980er Jahren schwierig. Wir müssen sehr viel lernen und leisten, trotzdem sind die Arbeitslosigkeit hoch und die Perspektiven gering. Der Druck wächst. Südkoreas Suizidrate ist gestiegen. Die Regierung hat eine Rentenerhöhung zugesagt und mehr Geld für gemeinnützige Projekte. Bisher hat sich nichts geändert im Sinne von verbessert. Das Bildungssystem ist unflexibel, eine politische Lösung kann ich mir nur langfristig vorstellen. Wichtig ist, dass speziell wir jungen Leute von der Regierung fordern, gehört zu werden. Die Kirche baut Brücken. Sie bietet auch Unterstützung für die Eltern. Mein Glaube gibt mir Halt und eine Ausrichtung, was heutzutage wichtig ist.

Reformation, was verbinde ich damit? Ich würde mir die Aufhebung des Gegensatzes von Arm und Reich wünschen, und die immer noch bestehende Ungleichheit zwischen Männern und Frauen in meinem Land – und weltweit.

Gruppenbild mit Luther in einer Ausstellung des aus Sachsen stammenden Malers Marian Kretschmer in Eisenach.

Das Reformationsjubiläum ist ein großes Thema in Südkorea, genau wie die evangelische Kirche eine Säule der Gesellschaft ist. Meiner Ansicht nach muss sie noch deutlicher in Erscheinung treten. So wie Martin Luther das vor 500 Jahren wollte, dass Kirche wirkt. Das Gemeindeleben ist intensiv aber auch konservativ, sehr am Gebet und an der persönlichen Spiritualität ausgerichtet. Das ist in Ordnung. Aber zusätzliche Strukturen, etwa in der Jugendverbandsarbeit, wären genauso wichtig. Deutschland steht besser da, obwohl die Kirche eine geringere Rolle spielt. Ich finde auch das ehrenamtliche Engagement beeindruckend.

Text & Fotos: Barbara Einwag

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