Die Botschafter

„Die Queen ließ ausrichten, dass sie nicht lesen kann“, sprudelt Nicki hervor. Dann besinnt er sich, muss lachen, und verbessert schnell: „Dass sie keine Zeit hatte, meinen Brief zu lesen, meinte ich. Weil die Queen so viel Post kriegt.“ So fiel die standardisierte Antwort des Buckingham Palace höflich aus, aber langweilig. Dabei hätte Nicki gerne gewusst, wie Königin Elizabeth II. zu Martin Luther und der Reformation steht.

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Nicki schrieb an die Queen und an den scheidenden Bundespräsidenten Joachim Gauck. Beide antworteten kurz und standardisiert. „Wenigstens kam überhaupt was zurück“, sagt der Junge versöhnlich.

Nicki, Lea, Emily, Fabian und ihre Mitschüler haben sich als Luther-Botschafter probiert. 50 Personen die ein öffentliches Amt ausüben, Verantwortung für die Gesellschaft tragen und Vorbild sind, erhielten Post von sechsten Klassen der Berliner Grunewald-Grundschule und der Grundschule Schmargendorf. Unter den Empfängern waren Politiker, Sportler, Schauspieler – und der Papst. Die Briefe wurden in mehreren Sprachen verschickt, übersetzt von zweisprachig aufwachsenden Klassenkameraden. Was an Reaktionen eintraf, zeigt eine Ausstellung der Schulen zum Reformationsjubiläum. „Luther auf’s Maul geschaut“ heißt sie.

Zur Eröffnung haben sich die beteiligten Kinder Lutherrosen aus Papier an die Kleidung geheftet. Sie machen die Expertinnen und Experten aus. In ihren Briefen fragten sie die Adressaten, welcher Wert der Reformation ihnen wichtig ist, ihnen Mut und Vertrauen gibt, und warum, ob und woran sie glauben. Knapp die Hälfte hat geantwortet.

Die höchste Trefferquote erzielt die Politik. Fast alle Bundesminister aus dem Kabinett nahmen sich Zeit für einige persönliche Zeilen an die Kinder. Kanzlerin Angela Merkel selbst ließ stellvertretend eine Sprecherin antworten. „Sie hat wohl ähnlich viel zu tun wie die Queen“, orakeln die Schüler.

Fabian zeigt das Schreiben von Thomas de Mazière. „Es ist sehr persönlich, das fand ich stark“, freut sich der Junge. Beeindruckt scheint auch der Innenminister gewesen zu sein: „Es kommt nicht oft vor, dass mir jemand in deinem Alter einen Brief schreibt. Ich danke dir dafür und auch für deine Fragen.“ Weiter notiert er:

Mir gibt Vieles Mut und Vertrauen. Meine Familie, meine Freunde, aber auch mein Glaube. Ich bin Christ. Deswegen hilft es mir manchmal, zu beten. (…) Eine Lebensweisheit habe ich leider nicht für Dich. Um mich als weise zu betrachten, dafür fühle ich mich noch nicht alt genug.

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Fabian zeigt Thomas de Mazières Brief, der auch in der Ausstellung zu sehen ist.

Emily bekam Post von Justizminister Heiko Maas:

Ich finde es prima, dass Ihr Euch mit der Reformation beschäftigt. Sie hat das Menschenbild, das Denken und die Kultur in Europa stark verändert. (…) Der Glaube an Gott hilft mir, weil ich weiß, dass ich Probleme nicht alleine lösen muss. Da ist noch jemand, der die Hand über mich hält.

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Heiko Maas bezieht in dem Brief an Emily Position zur Reformation und ihren Werten.

Ähnlich schreibt Familienministerin Manuela Schwesig, „wenn ich an Gott denke, fühle ich mich gestärkt und beschützt“. Sie bewundere Martin Luthers Mut, sei aber wiederum froh, „dass wir nicht mehr an einen strafenden Gott glauben wie im Mittelalter. Ich jedenfalls nicht!“

freedeniz„Wir achten jetzt noch stärker auf die Menschen, denen wir geschrieben haben“, bemerkten die Sechstklässler. Zusätzlich überlegten sie, was ihre Werte sind, was die Reformation zu deren Entstehen beitrug – sogar, wie sie künftig damit umgehen. Fabian sagt: „Mir ist klar geworden, dass Meinungsfreiheit ganz wichtig ist. Statt in Angst zu leben, sollte jeder Mensch seine Meinung frei äußern dürfen.“ Am Tag der Ausstellungseröffnung in Berlin geht es in den Zeitungen um die Gefangennahme von Journalisten in der Türkei.

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Lea schrieb an Franziskus I.: „Ich hatte ihm eine Meinung zur Reformation zugetraut.“

Die Briefe in der Ausstellung sind Kopien. Die Originale durften die Schüler behalten, auch, weil sie zu ihnen nach Hause geschickt wurden. „Das war aufregend, plötzlich einen Brief mit dem Stempel des Vatikans in der Post zu finden“, erinnert sich die zwölfjährige Lea. Sie schrieb dem Papst und war „sicher, er würde antworten. Er ist ein sympathischer Mann. Ich hatte ihm eine Meinung zur Reformation zugetraut.“ Statt Franziskus I. antwortete dessen Sekretär, und das wiederum förmlich. Das Mädchen startete einen weiteren Versuch, diesmal an den Schauspieler Leonardo DiCaprio, von dem Lea wusste, dass er sich gesellschaftlich engagiert, etwa im Umweltschutz. „Leider kam von ihm gar keine Antwort“, löst sie auf. „Ich finde ihn trotzdem noch gut.” Andere Mitschüler warteten vergeblich auf Post von Fußball-Weltmeister Mario Götze, der Schauspielerin Emma Watson oder Russlands Präsident Wladimir Putin. Lea indes machte einen dritten Anlauf und schrieb Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller. Er meldete sich mit einem drei Seiten langen Brief zurück.

 

 

 

 

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