Wir sind (wie) Käthe: Gutes Zeitmanagement

Sie trägt ein rosa Chiffonkleid, glitzernde Flipflops und steht auf Selfies. Luise ist eine moderne Reformatorin, ihre Haltung und ihr Stil drücken das selbstbewusst aus. Dass sie nur eine Rolle spielt und das pinke Dress widerstrebend angezogen hat, wollen Pauline Wölflick und Sharifa Sens nicht gelten lassen: „Luise kam auch so in die Schule. Als wir sie fragten, ob sie sich die Rolle trotz der Klischees vorstellen kann, war sie sofort einverstanden.“ Pauline und Sharifa haben die Blondine aus ihrem selbst verfassten Theaterstück über Frauen der Reformation mit ihrer Mitschülerin Luise Theumer besetzt. Das deutet an – es geht auf Zeitreise.

luise-und-sarah

Beim Stadtbummel begegnen Luise und ihre Freundin Sarah drei Frauen, deren Outfit sie zunächst stutzen lässt: Lange wallende Gewänder, bestickte Krägen, Stoffe, die man heutztage vielleicht noch als Gardinen nimmt, oder um sich für ein mittelalterliches Rollenspiel in Schale zu werfen. Mit einem Mal merken die Mädchen, dass sie es sind, die sich im Jahrhundert vertan haben. Luise und Sarah landen geradewegs im Reformationsgeschehen – auf Augenhöhe mit Martin Luthers Ehefrau Katharina von Bora. Die erkennt man übrigens an den schicken Ohrhängern mit Kreuzen.

„Die beiden anderen sind Elisabeth Cruciger und Katharina Zell“, bennent Sharifa Sens alle historischen Frauenfiguren des Stücks HerrInnen Käthe. Cruciger? Zell? Nie gehört? Kein Thema. Schon Frau Luther hat es schwer, sich in der Publikumsgunst oben zu halten. Ihr Mann ist einfach zu prominent. Die Gemahlinnen der B-Reformatoren sind noch schlechter dran. Diese Tatsache wollten die Schülerinnen des Johann-Walter-Gymnasiums in Torgau – zumal im Reformationsjahr 2017 – so nicht stehenlassen. „Die Frauen kommen bei uns besser weg“, verspicht Sharifa. Um nicht zu sagen: Sehr gut!

Die drei Akte des Stücks sind flüssig erzählt und hochaktuell: Katharina Zell, Pfarrersfrau in Straßburg, arbeitet in der Flüchtlingshilfe. Vor rund 500 Jahren sind es die Opfer des Bauernkrieges, die sich schutzsuchend an sie wenden – und anderswo in der Stadt Angst und Ablehnung wecken. Die Bedingungen, unter denen Geflohene jüngst in Deutschland ankommen, sind vergleichbar.

Pauline und Sharifa, die in ein paar Wochen Abitur machen, greifen historische und moderne Frauenfragen auf; Selbstbestimmung, Gleichberechtigung, Mitsprache. Elisabeth Cruciger rebelliert in einer Szene, als Martin Luther eines ihrer Lieder – sie ist eine Art frühe Songschreiberin – zwar in sein evangelisches Gesangbuch aufnehmen, ihren Namen aber unerwähnt lassen will: „Dass ich es überhaupt einbeziehe, reicht doch“, meint er. Diskussion beendet. Keine Chance für die Urheberin in diesem Moment der Geschichte. Ehemann Caspar tätschelt Elisabeth besänftigend und ein wenig überfordert die Hand. Der Applaus vom Bühnenrand – Luise und Sarah jubeln ihr zu – beweist: 500 Jahre nach Luther ist die Musik das kleinste Problem in punkto Gleichberechtigung.

14226776278_3ee7e69691_k

Historische und moderne Perspektiven sind im Wechsel erzählt, mitunter auch durch Filmeinspieler. So berichtet Melanie Feuerbach, eine Dresdner Ärztin, die von der Stadt Torgau 2016 mit dem Katharina-von-Bora-Preis für Frauenrechte ausgezeichnet wurde, über ihre Projektarbeit in einem Frauenbildungszentrum in Kenia. Und immer wieder tauchen Sarah und Luise als Statusmelderinnen der Gleichberechtigung auf, auch appellierend.

lutherrose148 Stunden haben Pauline Wölflick und Sharifa Sens geskypt, um das 130 Seiten fassende Manuskript in Form zu bringen, auch noch abends oder an Wochenenden. Ein gutes Zeitmanagement. Sharifa sagt:

„Wir haben gelernt, richtig richtig gut zu diskutieren.“

Die Entscheidung für das Reformationsthema „bot sich an, in Torgau ist man von Reformation förmlich umgeben“, begründet die 17-Jährige. Tatsache: Martin Luther war häufiger in Torgau, hatte den ersten protestantischen Kirchneubau geweiht und zusammen mit Johann Walter, dem Namensgeber von Paulines und Sharifas Schule, das erste evangelische Kirchengesangbuch zusammengestellt. Nicht zuletzt ist die Stadt Grabstätte Katharina von Boras.

Eine reine Frauensache ist das Theaterstück nicht geworden, mehr ein Hinweis darauf, wie hilfreich Teams sind. Auch das ist reformatorisch. Sharifa Sens, deren Großvater evangelischer Pfarrer ist und deren Vater ihr beim Entwurf des HerrInnen Käthe-Logos half – einer Lutherrose mit dem Spiegel der Aphrodite – hat „einen sehr christlichen Hintergrund“. Pauline Wölflick „überhaupt nicht“.  Mit den Werten der Reformation kennt sich die 18-Jährige trotzdem aus, das beweist ihr Poetry-Slam-Text, in dem sie die Reformation  mit der US-Bürgerrechtsbewegung der 1960er Jahre und der Friedlichen Revolution 1989 stellt:

Hier steh ich nun, ich kann nicht anders.
I have a dream.
Wir sind das Volk.

Die Schülerinnen sind der Theatergruppe ihres Gymnasiums sehr verbunden, „HerrInnen Käthe“ auf die Bühne zu bringen, war so gesehen Pflicht. Am 25. März 2017 ist Premiere. Passend zum Manuskript, das im Skype entstand, verabredeten sich die Darsteller per Whats App zu den Proben. Sechs beteiligte Jugendliche kommen von außerhalb, aus einer Gruppe der Lebenshilfe. Die Produktion ist inklusiv. Pauline und Sharifa begeistert „die Zusammenarbeit, der Fleiß und das gemeinsame Ziel“ aller. Ein so hohes Reformatorinnenpotential würdigte auch Bundesbildungsministerin Johanna Wanka, eine Ehemalige des Johann-Walter-Gymnasiums. Und: Protestantin. Sie ist Schirmherrin des Projekts.

Fotos: Privat / Flickr(1)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s