Ein grober Klotz gibt nach

trump_ausschnittDie Adresse ist richtig, trotzdem scheint man zunächst an den Falschen geraten zu sein: Statt Auge in Auge mit Martin Luther empfängt Donald Trump den Besucher in Simeon Deckers Werkstatt in Berlin-Friedrichsfelde. Der Kopf auf der Holzfliese ist der 45. Präsident der USA. Selbstbewusst und entschlossen sieht sein Abbild aus, obwohl es gerade mal 15 Zentimeter misst. Eine Auftragsarbeit, die Simeon Decker für den Hamburger Entertainer Rocko Schamoni angefertigt hat, der mit Kunst gegen den Populismus auftritt. Aus welchem Holz er selbst geschnitzt ist, stellt der junge Bildhauer gleich mit klar: „Ich bin kein Trump-Fan!“ Tatsächlich hatte er aber auch mit Luther seine Probleme.

„Luthers Gesicht mag ich eigentlich nicht“, begründet Simeon Decker, „seine Züge sind ziemlich grob. Mittelalterliche Gesichter sind interessanter zu schnitzen, wenn sie feingliedriger sind.“ Philipp Melanchthon hat somit klar die Nase vorn – trotzdem kommt er an seinem Wittenberger Kollegen nicht vorbei. Im Schülerwettbewerb „Mach‘ dir einen Kopf!“ des Kirchenkreises Berlin Lichtenberg-Oberspree geht es um Lutherporträts; Gesicht zeigen für das Reformationsjubiläum. Gefragt sind Bilder des Reformators, wie ihn Jugendliche heute sehen. Daraus erwachsen eine reale Ausstellung und eine virtuelle Schau bei Instagram, über deren Motive Besucher abstimmen können. Das beste Porträt wird Simeon Decker in Holz schnitzen. Die Gewinnerin oder der Gewinner bekommt es als Preis überreicht. Dafür muss der grobe Klotz Luther dann nachgeben – vielleicht macht er das allerdings sowieso, wenn Simeon das Porträt aus Linde schnitzt. Das Holz ist vergleichsweise weich.

Seit drei Jahren ist der Sachse Wahlberliner. Von der Kunststadt angezogen, verließ er das heimische Erzgebirge. Ganz an Klischees vorbei kommt man bei Simeon Decker nicht: Schnitzen hat er im Schnitzverein seines Heimatorts Ehrenfriedersdorf gelernt, klassisch von Schnitzern, denen Räuchermänner, Schwibbögen und Co. leicht von der Hand gehen. Der 13-Jährige probierte sich zuerst an Pilzen. „Die haben eine einfache Form, die hilft, den Verlauf der Maserung im Holz kennenzulernen.“ Und damit den Wuchs des „Rohstoffs“ in die Arbeit einzubeziehen. Geschnitzt wird so, „dass die Maserung glatt wird, sonst reißt das Holz aus“. Für die Berufsschule wechselte Simeon nach Thüringen, arbeitete nach bestandener Gesellenprüfung zunächst wieder in Sachsen, dann im Rheinland – bis Berlin „rief“. Über die Subkulturen der Hauptstadt urteilt der 30-Jährige mittlerweile differenzierter: „Es gibt unglaublich viele Künstler und etliche, die drei Jobs machen, um zu überleben. Ich war ziemlich blauäugig, als ich nach Berlin zog.“
Mit seiner kunsthandwerklichen Ausbildung musste er sich erst etablieren, um ernstgenommen zu werden. Geholfen haben ihm Netzwerken und sein Alter Ego: Auf der Video-Plattform YouTube gibt er als „Mr. Schnitz“ Tipps für das künstlerische Arbeiten mit Holz – samt Vorarbeit des Modellierens oder der Wahl der Werkzeuge. Ein Alleinstellungsmerkmal, für das Promis wie Manuel Neuer, Mesut Özil oder eben Donald Trump genauso „den Kopf hinhalten“ wie Martin Luther oder ein stilisierter, erzgebirgischer Bergmann.

Dass Martin Luther – trotz des groben Gesichts – auf die Liste seiner Arbeiten rückte, ergab sich aus Simeons Interesse am Thema Reformation.

„Luthers Aussagen finde ich positiv und strukturierend für das Leben: Dass man nicht immer Leistung erbringen kann, sondern auch mal auf Gnade angewiesen sein darf, und dass es ein wichtiger Wert ist, sich selbst treu zu bleiben, bei dem was man macht.“

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Gute Erinnerungen habe er an die Jugendarbeit seiner Gemeinde, daran „in einer Gruppe verankert“ gewesen zu sein, sowie an die Werte, die seine Eltern ihm und den älteren Brüdern vorlebten: „Mein Vater war Stadtrat und immer politisch und gesellschaftlich engagiert.“ Durch Vereinsarbeit, für die er seine Familie gleichermaßen begeisterte, lernten die Söhne, „die eigene Identität zu festigen und über den Tellerand zu schauen“.

„Das finde ich sehr reformatorisch. Die Reformation hat die Gesellschaft positiv verändert, indem sie Menschen ermutigte, nachzudenken, ihre Meinung zu sagen und sich zu engagieren.“

Die Kirche, urteilt Simeon, sei – 500 Jahre nach Luther – „eng geworden“, Gemeindeleben finde häufig in einer Art Blase statt. „Ich würde mir wünschen, dass sich der Raum wieder öffnet.“

Fotos: privat

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