Ein Ramadan, der reformiert

Die Hormone waren an Mehdi Ramadans Einsatz nicht ganz unschuldig. „Wie’s läuft; man findet eine Frau gut und interessiert sich für die Dinge, die sie mag“, erinnert er sich an seinen ersten Kontakt mit der Bühne. Eine Freundin hatte ihn auf das Theaterprojekt der evangelischen Schülerarbeit in Westfalen gestoßen. Mehdi gab alles, nahm den frei gewordenen Platz in der Gruppe ein. Die Freundin blieb eine Freundin, dafür ist dem jungen Mann das Hobby ans Herz gewachsen. Neun Jahre sind seitdem vergangen, Mehdi kann über seine damalige Motivation schmunzeln, das Stichwort „Hormone“ bringt er selbst mit Augenzwinkern auf.

Ein Muslim, der sich ehrenamtlich in der evangelischen Jugendarbeit engagiert, zum Reformationsjubiläum 2017 sogar ein interreligiöses Theaterstück in Westfalen begleitet, geht das gut? Mehdi sagt: „Natürlich!“

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Beteiligt ist der 26-Jährige nicht, weil er Muslim ist. „Sondern weil ich gefragt wurde, ob ich Zeit für das Projekt habe. Ich hatte Zeit und Interesse. Deshalb engagiere ich mich.“

„Haste mal Zeit?“

Die Frage stellten ihm Gandhi Chahine, der die Theatergruppe leitet, sowie das Lutherforum Ruhr, das mit dem Projekt Im geteilten Himmel an Chahine herangetreten war: 20 Jugendliche unterschiedlichen Glaubens kommen auf der Bühne zusammen. Ihren Gott, wie und ob dieser im Alltag auftaucht und was sie über ein Leben nach dem Tod denken, setzen die jungen Westfalen in den kommenden Wochen szenisch um. Im April 2017 sind die Aufführungen. Mehdi ist Regieassistent, per eigener Definition „bin ich da, falls was schiefläuft“. Zweifel, dass etwas schieflaufen könnte, lächelt er professionell weg. Mehdi ist ein Macher. Zur Reformation, die verändert, passt das.

Den Himmel über seiner Heimatstadt empfindet er nicht als geteilt. Mehdi ist in Hagen aufgewachsen. Geboren wurde er in Hannover. Seine Wurzeln sind libanesisch, er selbst sieht sich als Ruhri, er spricht wie einer. Aus Hagen wegzugehen, kann er sich nicht vorstellen. „Hagen ist eine super Stadt. Unser Bürgermeister hängt sich rein, um das Leben der Menschen hier positiv zu verändern und was zu bewegen“, findet er.  Und hängt sich deshalb gleichermaßen rein, damit sich weiterhin was bewegt. Beim Thema Integration zum Beispiel: „Seitdem die Geflüchteten nach Deutschland gekommen sind, höre ich häufiger Arabisch“, ist ihm aufgefallen. Es kommt auch vor, dass ihn jemand am Bahnhof oder in der Stadt auf Arabisch anspricht, denn:

„Ich sehe so aus, als würde ich die Sprache verstehen.“

Dann antwortet Mehdi und hilft weiter, navigiert durch das Menü eines Fahrkartenautomaten oder erklärt – als einheimischer Hagener – den Weg.
Mehdis Eltern sind vor 30 Jahren aus dem Libanon nach Deutschland gekommen. Damals, als Bürgerkriegsflüchtlinge, war ihre Situation vergleichbar. Die Familie wollte weiter in die USA. Weil sie am Flughafen länger kontrolliert wurde, hob der Flieger ohne sie ab. „Ansonsten würde ich mich jetzt nicht mit Luther befassen, sondern über Trump aufregen“, schätzt der Sohn.

Das Thema Reformation ist kein völliges Neuland für Mehdi. Die Ausstellung im Lutherforum Ruhr hat er schon besucht und in Veranstaltungsbroschüren gestöbert, um „2017 richtig was mitzukriegen. So wie die Reformation im Schulunterricht behandelt wird, ist es nicht interessant.“
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Die evangelische Schülerarbeit schafft ihm einen zusätzlichen Bezug, den Mehdi weiter ausbauen will. Nach bestandenem Fachabi zieht es ihn an die evangelische Fachhochschule Bochum, zum Studium, Fachrichtung Sozialarbeit. An Gandhi Chahine, dem Regisseur des „Geteilten Himmels“, nimmt er sich ein Beispiel. Einiges trifft auf beide zu. Auch Chahine hat mutikulturelle Wurzeln, seine Mutter stammt aus dem Libanon, der Vater ist Israeli; der Sohn, der 40 seiner 47 Lebensjahre im Ruhrgebiet heimisch ist, macht sich für den Dialog in der Jugendarbeit stark – und hilft etwa durch seine Band „Sons of Gastarbeita“ Jungen „mit Migrationshintergrund und Migrationsvordergrund“, ihre Identität so zu festigen, dass niemand diskriminiert wird. Auch nicht sie selbst.

Mehdi trägt seine Standpunkte ähnlich nach außen, durch das Theater, den Einsatz für das Reformationsjubiläum. Auf seinem Instagram-Profil hat er einen Comic der US-Trickserie „Die Simpsons“ gepostet, Mutter Marge und Tochter Lisa sitzen im mit Einkäufen überladenen Auto. Die Bildzeile lautet: Geh nicht einkaufen, wenn du fastest. Ein Foto auf der gleichen Seite zeigt die Johanniskirche im Stadtzentrum Hagens. Aufnahmen, die Mehdis Alltag abbilden. Als Muslim in der evangelischen Jugendarbeit hört er oft erstaunte, manchmal auch kritische Kommentare: „Ob man das bringen kann, fragten mich bislang eigentlich nur Christen.“ Man kann.

„Ehrenamt ist doch kein Wettbewerb der Kulturen!“

Sein Familienname Ramadan wie der islamische Fastenmonat, gab indes nirgends Anlass zur Diskussion. „Warum auch? Ich hatte einen Lehrer, der hieß Herr Weihnachten“, sagt Mehdi. Den Ramadan hält er, fastet dann, betet – „aber nicht fünfmal pro Tag, das hat Gott nicht nötig, ihm muss man sich nicht beweisen“ – und liest den Koran. Er vergleicht:

„Ich habe auch in der Bibel gelesen. Auf Deutsch finde ich die Texte schon schwer zu verstehen, auf Latein würde ich mir das nicht zutrauen. Das hat Luther gut gemacht, sie zu übersetzen, damit jeder die Bibel lesen kann. Dass alle Menschen gleichberechtigten Zugang zur Bildung haben, ist das wichtigste Ergebnis der Reformation.“

lutherdresdenDazu fällt ihm die Druckmaschine ein, die er im Museum gesehen hat. „Statt eines Buches im gesamten Jahr konnten die Menschen plötzlich 300 Bücher pro Tag herstellen. Das ist beeindruckend! Eine Reformation tut jeder Religion gut.“ Seine eigene nimmt Mehdi nicht aus. Veränderung beginnt mit der Frage: Haste mal Zeit?

Fotos: Flickr (8), Privat (4)

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