Pfeffer, Sammeltassen und der Durchbruch nebenan

Einiges an Möbeln und Geschirr wäre fast auf dem Sperrmüll gelandet. Stattdessen ist es wieder in Gebrauch. Demnächst werden die Gegenstände – von Jugendlichen aufgearbeitet – nebenan einziehen. Das Nebenan, der im Entstehen begriffene Jugendtreff in Wittenbergs Altstadt, erfindet sich gerade. Daran beteiligt sind Neunt- und Zehntklässler einer Gesamtschule der Lutherstadt. Sie wollen hauptsächlich eins: Einen szenigen Treffpunkt, der ihnen auch nach dem Reformations-Jubiläumsjahr 2017 erhalten bleibt, „und wo es gar nicht oder nicht nur um Martin Luther geht“, schildert Maike Fiedelak. Es ist auch ihr Ziel.

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Maike wohnt nebenan, ein paar Gehminuten entfernt. Im Sommer 2016 zog die 24-Jährige von Kassel nach Wittenberg, um bei der Entstehung des Jugendtreffs Regie zu führen. Ihr Arbeitgeber ist der Verband „Entschieden für Christus“ (EC), der soziale und Bildungsprojekte für Kinder und Jugendliche anbietet, in der Struktur dem CVJM vergleichbar ist und bundesweit aktiv. „2015 entstand im Landesverband Sachsen-Anhalt die Idee, in Wittenberg ein Jugendcafé zu gründen, das Jugendliche vor Ort und Jugendliche, die zu Besuch in der Stadt sind, gleichermaßen nutzen. Es steht allen offen.“ Der EC ist Mieter der Räume. Maike Fiedelak behält im Blick, dass Martin Luther keine zu zentrale Rolle einnimmt, und denkt dabei „an die Jugendlichen, die mit seiner Person nichts anfangen können, oder schon soviel darüber hörten, dass sie satt sind.“ In Lutherstadt Wittenberg ist das eine nachvollziehbare Haltung.

„Das Thema Reformation – Veränderung, etwas Neues schaffen – funktioniert heutzutage nur, wenn sich ein persönlicher Bezug ergibt. Sonst bleibt es ein geschichtliches Ereignis.“

Maike versteht, dass 2017 als Jubiläum vielen jungen Leuten konstruiert vorkommt und sie deshalb nicht anspricht. Umso deutlicher lädt sie ins künftige Nebenan ein und stelt klar:

„Wir machen keinen Reformationshype.“

Stattdessen entsteht in der Wittenberger Jüdenstraße 10 ein praktisches Beispiel dafür, wie das Thema 500 Jahre nach Martin Luther gedeutet werden kann: Bestehende Strukturen treffen auf neue Inhalte. In den Lagerräumen einer ehemaligen Fleischerei werden in wenigen Wochen gemütliche Sitzgruppen und eine Theke stehen, darüber Hängeschränke voller Sammeltassen an der Wand. Maike erinnert sich an ihren ersten Besuch vor Ort: „Es roch noch ganz stark nach Pfeffer.“

Der Umbau hatte es in sich. Weil in Wittenberg wenige Monate vor der Eröffnung des Jubiläumsjahres kaum ein Handwerker mehr eine Hand frei hatte, musste der EC mehrere Absagen wegstecken. „Die erste Zeit hat Kraft gekostet“, sagt Maike, und sie gesteht, „dass es Momente gab, in denen ich fast hingeschmissen hätte.“ Ihre Familie, ihr Team und ihr Freund hätten sie aber immer wieder bestärkt, dranzubleiben. Nicht ganz unbeteiligt dürften auch Maikes dynamische Art, sie ist eine Macherin, und ihr Glaube an die Sache gewesen sein. Obwohl sie das nicht laut ausspricht. Die Gemeindepädagogin und Sozialarbeiterin, die in Aschersleben aufgewachsen ist, traf bewusst die Entscheidung, Kassel nach dem Studienabschluss zu verlassen und „in den Osten zurückzugehen“.

„Ich wollte nicht zu denen gehören, die im Westen verschwinden. Im Osten gibt es einfach noch zu wenig. Ich wollte dort etwas schaffen.“

So definiert sie ihre Reformation. Und ähnlich wie damals Martin Luther, merkt Maike: „Man wächst rein in seine Aufgabe.“ Sie bezieht das auf die „Bauaufsicht“ im werdenden Jugendcafé und unzählige absolvierte Behördengänge. Die Räume „reformiert“ haben derweil Konstantin Schneider und Bernhard Jäckle, zwei Bundesfreiwilligendienstler, die zupackten und Wände einrissen. „Das sind coole Jungs“, bringt es die Chefin auf den Punkt, „ihnen verdankt das Nebenan den Durchbruch.“

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Weitere Bundesfreiwilligendienstler sollen den Jugendtreff in Zukunft offenhalten. Maike will im Hintergrund bleiben, wenn nötig Rückendeckung geben. Dann findet man sie nebenan, im Home Office in ihrer Wohnung, dabei, die Webseite zu aktualiseren oder das Facebook-Profil des Cafés zu füllen. Nicht (nur) mit Kuchenmotiven oder Fotos plaudernder Menschen. Der EC will außerhalb der Öffnungszeiten Seminare für Gruppen anbieten. Dann auch zum Thema Reformation. Voraussichtlich Ende 2016 – spätestens Anfang 2017, ist Eröffnung.

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