Reformation mit geschlossenen Augen

Luisa2Luisa ist positiv überrascht. „Mein Kopf ist gar nicht so schlecht geworden, dafür dass ich die Augen verbunden hatte”, lautet ihr Urteil, als sie die Büste mustert. Ihren eigenen Kopf neigt die Schülerin dabei nach links – exakt so, wie ihr Gegenüber aus Ton beobachtend verharrt. Die Skulptur ist glatt, glatzköpfig, und sie passt sich den Händen des Mädchens an. Von Luisas Hinterkopf wippt ein Pferdeschwanz, als sie sich vor ihr Werk in die Bank der Leplower Dorfkirche setzt. Diesmal ohne Dunkelbrille. Dass sie „blind” modellierte, war Absicht.

2016-07-28 14.34.55Über ein Dutzend Köpfe ist auf diese Weise entstanden, als Kunstprojekt Artist in Parish der Nordkirche. Der Titel nimmt Bezug auf die Formulierung Artist in Residence und meint ein Vorhaben, das Künstler vor Ort umsetzen – in diesem Fall die Bildhauerin Ursula Dietze in der Gemeinde von Eixen in Mecklenburg-Vorpommern. Dietze brachte Menschen dazu, „Hand anzulegen”, und Büsten aus Ton zu formen. Luisa Göttsche war eine von ihnen. Der Herausforderung, mit geschlossenen Augen Kunst zu schaffen, und sich rein auf ihr Gespür und „die Vorstellung, wie ein Kopf aussieht”, einzulassen, begegnete die Schülerin mutig. „Die Aufgabe war, einen Ausdruck zu formen. Keine Augen oder eine Nase. Das fand ich nicht so schwer. Die Dunkelheit hat es letztlich noch leichter gemacht, weil man weniger korrigiert.” Der kritische Blick entfiel. Ihre Erfahrung schildert Luisa als bereichernd, „weil man den Sehsinn sonst immer voranstellt”.

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Das Kunstprojekt zählt zu den Vorbereitungen des Reformationsjubiläums in der Nordkirche. Die Tonbüsten erinnern daran, dass Martin Luther den Glauben möglichst allen Menschen zugänglich machen wollte, und dass der Protestantismus hinter der Meinungsvielfalt und Meinungsfreiheit steht, die unsere Gesellschaft und unseren Staat prägen und auszeichnen. Die Köpfe in der Leplower Dorfkirche – wo sie nach Abschluss des Projekts fest installiert bleiben – haben bewusst unterschiedliche Ausdrücke. Dass sie denjenigen anblicken, der – wie Luisa Göttsche an diesem Nachmittag – in der Bank Platz nimmt, macht auch Sinn: „Die Reformation ist ein Moment, zu reflektieren”, sagt die 13-Jährige.

Luisa1Luisa und ihre gleichaltrige Freundin Hanne Beyer sind die einzigen Konfirmandinnen ihres Jahrgangs in Eixen. Dass Glaube und Kirche für Jugendliche Nischenthemen sind, liegt Luisas Meinung nach am Druck, den Erwachsene ausüben. „Uns zu dem Thema zu zwingen, finde ich nicht richtig.” Besser: „Mit Spaß ausprobieren, was Glaube mit mir macht.” Etwa durch die Kunst. „Oder durch Reformations-Apps“, empfiehlt sie. Flexible Inhalte ließen sich mit dem Geist der Reformation vereinen, darin sieht Luisa keinen Widerspruch zum Wert des historischen Ereignisses.

Zum Beweis sagt sie über Martin Luther, dass er jungen Menschen heutzutage durchaus etwas sagt: „Er war ein Typ, der einen starken Willen hatte. Er kapierte: Gott lässt niemanden hängen. Vorausgesetzt, dass man selbst was tut, um Dinge zu bewegen.” Das mache Luther authentisch, findet die Schülerin. An die Adresse der Erwachsenen richtet sie die Ansicht, dass Reformation nicht bedeute, „dass jeder alles daran gut finden muss. Sonst fehlt doch der persönliche Ausdruck.“ Mit wippendem Pferdeschwanz dreht Luisa dann den Kopf nach links, zu einer Kirchenbank auf der anderen Seite des Mittelgangs, wo Hannes Kopf steht. Er blickt verträumt zu Seite.

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