„Hochwürden finde ich antiquiert“

BrJeremiasklAls Teamer des Lutherschulentreffens 2016 erlebten die Teilnehmenden Bruder Jeremias Kiesl aus Erfurt in Jeans und Karohemd – aber auch in seiner Habit! So heißt sein Ordensgewand. Er ist Augustiner wie Martin Luther. 2016 ist das Kloster einer modernen Wohngemeinschaft gewichen, die sich – ganz im Zeichen der Ökumene – in einem evangelischen Gemeindehaus befindet. Die Erfurter Augustiner haben keine feste Pfarrei sondern arbeiten gemeinde- und konfessionsübergreifend in der Seelsorge und der theologischen Ausbildung.

Hier berichtete Bruder Jeremias den Jugendlichen des Redaktionsworkshops von seinem Alltag.

Wie muss man Sie korrekt ansprechen? Hochwürden? Herr Jeremias? Bruder?
Br. Jeremias: Ich bevorzuge „Bruder Jeremias“. Ob man mich duzt oder siezt, hängt vom Stand der Vertrautheit ab. Was ein Gesprächspartner wählt, überlasse ich ihm. Kircheninsider unterscheiden zwischen „Pater“ für einen Ordensmann, der auch Priester ist (was ich tatsächlich bin) und einem Ordens-“Bruder“, der „Laie“ (also kein Priester) ist. Das „Herr“ benutzen vor allem Menschen, denen der Kirchenjargon fremd ist oder die ihn nicht gerne haben. Dann wird gewöhnlich auch der Familienname und eben nicht mein Vorname dazugesetzt: Herr Kiesl. „Hochwürden“ finde ich ziemlich antiquiert. Aber ich bin mir bewusst, dass ich mich als Ordensmann und Priester entsprechend meiner Berufung würdig verhalten sollte. 😉

Ob man mich duzt oder siezt hängt vom Stand der Vertrautheit ab.

Ist Jeremias Ihr richtiger Vorname?
Mein bürgerlicher Name ist Matthias. Den Namen „Jeremias“ habe ich bei meinem Ordenseintritt erhalten, zu Beginn des Probejahres (Noviziat). Ich konnte ihn selbst wählen. Damals gab es in meiner Ordensprovinz die Tradition, dass jeder Vorname nur einmal vorkommen sollte. Matthias gab es bereits, so musste ich mir einen neuen suchen.

Wenn Ihnen jemand einen Brief schreibt, was schreibt der aufs Kuvert?
Das kommt darauf an, ob jemand meinen Familiennamen kennt oder nicht. Wir haben in Erfurt unsere kompletten Namen am Briefkasten stehen. Komplett lautet mein Name Jeremias Matthias Kiesl. Also wird auch ein an „Bruder Jeremias“ adressierter Brief (hoffentlich) ankommen. Im Personalausweis steht Matthias Franz Kiesl. Es gibt aber noch einen Eintrag „Ordens- oder Künstlername“. Da steht „Pater Jeremias“.

Welche Rolle spielte Glaube in Ihrer Jugend?
Ich bin in einer großen Familie mit vier Geschwistern aufgewachsen. Der Glaube war bei uns eine Selbstverständlichkeit. Ich habe mich sehr bald aktiv mit den Inhalten meines Glaubens kritisch auseinandergesetzt und vieles hinterfragt. Auf diese Weise ist auch mein Glaube mit mir gewachsen und erwachsen geworden.

Mein Glaube ist mit mir erwachsen geworden

Wie hat sich der Bezug Jugendlicher in Ihrer Heimat zum Glauben verändert?
Es ist längst nicht mehr selbstverständlich in meiner Heimat, der Oberpfalz, zur Kirche zu gehören oder den Glauben aktiv zu leben. Meine Neffen und Nichten haben oft große Schwierigkeiten, zu glauben. Glaube fällt einem nicht in den Schoß. Er hat im Fall des Christentums mit Beziehung zu tun: Mit Gott, der in seinem Sohn Jesus Christus sein Beziehungsangebot erneuert hat. Beziehung aber muss man gestalten. Das kann richtige Arbeit sein! Aber die Mühe lohnt sich. Meine Neffen und Nichten, meine Patenkinder, aber auch die Jugendlichen, mit denen ich im Alltag zu tun habe, ermutige ich, Suchende zu bleiben – oder wieder neu zu werden. Wer hinterfragt und zweifelt, der bleibt auf der Suche. Die größte Gefahr ist die Gleichgültigkeit.

Wann haben Sie beschlossen, Mönch zu werden?
Ich glaube, dass ich durch meine Zeit im Internat der Augustiner den „Stallgeruch“ des Ordens angenommen habe. Ich war einer der wenigen, die am Ende der Schulzeit Augustiner werden wollten. Aber für mich hat dieser Weg gepasst. Meine Familie hat meinen Weg unterstützt und mich nie in irgendeine Richtung gedrängt. Ich bin sehr jung in den Orden eingetreten. Gleich nach dem Abitur war ich Novize. Anschließend habe ich als Augustiner Theologie studiert. Ich habe also keinen früheren Beruf.

Wie oft tragen Sie Ihren Habit?
Täglich mindestens bei der Messe am Abend. Ansonsten bei offiziellen Anlässen und Feiern. Manchmal auch einfach so. Damit bin ich immer passend gekleidet.

BrJeremias

Wie streng sind die Regeln in einem Kloster heutzutage?
Die Regeln sind streng in dem Sinne, dass ich eine Lebensform verbindlich verspreche, die etwa auf das Leben in einer Partnerschaft oder Ehe verzichtet. Aber es geht nicht um einen Verzicht um seiner selbst willen. Sondern weil ich von Gott alles erwarten kann, kann ich darauf verzichten, in einer Partnerschaft so viel Erfüllung und Glück zu erwarten, wie wir das gewöhnlich tun. Oder weil ich glaube, dass Gott meine Wege gut führen wird, kann ich darauf verzichten, alles alleine entscheiden zu wollen. Ich kann Gehorsam versprechen.

2017 feiern wir 500 Jahre Thesenanschlag. Inwiefern hat Luthers Leben immer noch eine Wirkung auf die heutige Gesellschaft, im besonderen auf die Jugend?
Ich glaube, dass die Frage, wie ich vor Gott stehe  – das war doch irgendwo Luthers brennende Frage – und welche Verantwortung ich für mich und für diese Welt habe, eine wichtige Frage ist und bleibt. Alles immer nur alleine machen zu wollen und am besten ohne Gott auszukommen, verleitet Menschen dazu, sich selbst zu überschätzen und an die Stelle Gottes zu setzen. Die Welt bekommt das manchmal (negativ) zu spüren. Die Frage, wie ich verantwortlich vor Gott stehe, schärft meinen Blick auf die Menschen und meine Umwelt. Und sie bewahrt mich vor dem Stress zu glauben, es käme nur auf mich und meine Kräfte an.

Die Frage, wie ich verantwortlich vor Gott stehe, schärft meinen Blick auf die Menschen und meine Umwelt.

Was gefällt Ihnen an Luther am besten?
Am besten gefällt mir an Luther, dass er um seinen Glauben gerungen hat und den Mut hatte, dem zu trauen, was er für wahr erkannt hatte.

 

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