„Eine Retro-Veranstaltung sollten wir sein lassen“

DEU, Deutschland, Germany, Berlin, 30.06.2016: Luther-Symposium " Ich und Luther?! Wieviel Erneuerung braucht unser Leben und Arbeiten?", Atrium der F.A.Z. Foto: Jens Jeske
Aus der Kirche ist er ausgetreten, ein Luther-Fan ist er geblieben: Sebastian Krumbiegel (l.) im Dialog mit Reinhard Bingener. Foto: Jens Jeske

Sebastian Krumbiegel und Martin Luther verbindet: Sächsische Wurzeln, öffentliches Auftreten und die Erfahrung einer Reformation. Heißt: „Die Dinge selbst in die Hand nehmen statt darauf zu warten, dass der Staat aktiv wird“, begründet der Musiker und Sänger, der als 23-Jähriger die Montagsdemos in Leipzig miterlebt hatte. Für ihn ist die gesellschaftliche Bewegung, die zur Friedlichen Revolution 1989 führte, dem Prozess vor 500 Jahren vergleichbar. Geht es nach dem „Prinzen“-Frontmann, haben der politische Rechtsruck in Europa und die Flüchtlingskrise die nächste Reformation bereits in Gang gesetzt. Darüber zu diskutieren, „auch mit den Rechten das Gespräch zu suchen“, ist Sebastian Krumbiegel wichtig. „Jeder noch so kleine Punkt, den man versteht oder verständlich macht, bringt was.“

Ich_und_Luther„Ich und Luther?!“ – über seine Sicht sprach er auf einem Symposium in Berlin, veranstaltet von der Staatlichen Geschäftsstelle Luther2017 und der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Ans Klavier setzte sich Ex-Thomaner Krumbiegel auch, denn Musik ist Teil seiner Botschaft. Noch eine Gemeinsamkeit mit Luther, der die evangelische Kirchenmusik mitbegründete.

1992 ist Sebastian Krumbiegel aus der Kirche ausgetreten. Die Gründe dafür seien „sehr privat“ gewesen. Christliche Werte sind für den Leipziger nach wie vor „die Basis unserer Demokratie, die wir pflegen müssen wie eine Liebesbeziehung, wenn wir sie auch in Zukunft genießen wollen“. Für „die große Luther-Jubelei“ im Hinblick auf 2017 findet er sogar das Wort „angemessen“, weil das Jubiläum eine realistische Verbindung in die Gegenwart hergibt. Das Reformationsjubiläum will er genau so feiern und verstanden wissen. „Eine Retro-Veranstaltung sollten wir sein lassen.“

Reformationsbilder: Maul aufmachen, reingrätschen

Luther_KopfhoererDie Reformation vor 500 Jahren war eine Kampagne für die Selbstbestimmung des Volks. „Tritt fest auf, mach’s Maul auf, und hör‘ bald auf“, ist als Zitat Martin Luthers überliefert. „Wir haben es in der Hand“, sagt Sebastian Krumbiegel. Er interpretiert die Botschaft von damals ganz aktuell: „Jeder ist aufgefordert, hinzuschauen, wenn etwas passiert, das nicht anständig ist.“ Und dann? „Reingrätschen!“ Als Sachse bezieht sich Krumbiegel auf (s)ein Engagement gegen Rechts. Einen energischen Song darüber hat er jüngst komponiert: Mein rechter, rechter Platz ist – schon lange nicht mehr – leer, heißt das Stück. Über Martin Luther und dessen ganze Reihe politisch brisanter Statements sagt der „Prinz“ aber dann auch: „Ich würde ihn nicht schelten wollen, wie er im Kontext seiner Zeit redete.“

DEU, Deutschland, Germany, Berlin, 30.06.2016: Luther-Symposium " Ich und Luther?! Wieviel Erneuerung braucht unser Leben und Arbeiten?", Atrium der F.A.Z. Foto: Jens Jeske
Der Sänger und „Prinzen“-Frontmann meldete sich auch musikalisch zu Wort. Foto: Jens Jeske

Die Reformation ging von den Menschen aus, die Prozesse verstehen wollten, statt sie – wie zuvor – billigend mitzutragen. „Der Unterschied zwischen 1517 und 2016 besteht darin, dass die Ängste der Menschen sehr diffus geworden sind. Wenn man auf die Straße geht und zuhört, merkt man das“, schildert Sebastian Krumbiegel. „Was ich sicher glaube ist, dass die Medien die Wahrnehmung beeinflußen. Bad news sind good news. Man wird viel eher über Missstände lesen als darüber, wie viele Leute sich für die Gesellschaft engagieren.“ Genau darin – im Seitenwechsel – liegt der Schlüssel zur Reformation: Weniger Nacherzählung, mehr Reflexion.

 

 

 

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