Mit Martin geht der Rock durch Stuttgart

Reformation und Fußball – die Verbindung hat Martin Ergenzinger dann doch noch nicht gehört. Obwohl ihm der Rekord-Nationalspieler Lothar Matthäus ein Begriff ist und er lachend nickt ob der Feststellung, der Franke „Loddar” klinge wie Martins Bandprojekt Deine Ludder. Dahinter stecken vier Schwaben, ein Sachse, null Franken und – Rock.

Der Name ist eine Anspielung auf den in der Jugendsprache gängigen Ausdruck „deine Mudder” als Universalantwort. Ihn hat die Band umgewandelt und auf den Reformator gemünzt, der obendrein sogar – historisch belegt – als Martinus Luder 1483 auf die Welt kam. Martin Ergenzinger, Jahrgang 1986, kann den Vorgaben seines prominenten Namensvetters viel abgewinnen. „Luthers Texte sind ein riesiger Schatz, auch wenn er heutzutage ganz anders funktioniert und gelesen werden muss”, findet er. Deshalb klammern die Musiker die Reflexion von Luthers Theologie aus, wenn sie auftreten. Der Gegensatz zwischen dem heißspornigen „frühen“ Luther und dem späten, sarkastischen Theologen, ist auch ohne zeitliche Einordnung schwer ins Heute zu übertragen. Stattdessen versucht sich die Band an einem anderen Kontrast: „Luther hat zu seiner Zeit sehr klar gesprochen. Für uns heute klingt das eher sperrig.” Dass diese Sprache das Hörerlebnis gegen den Strich bürsten würde, reizte Martin Ergenzinger, der studierter Theologe und berufener Musiker in Ludwigsburg ist, Luthers Choräle neu zu arrangieren. Im Klartext: Seine bekanntesten Kirchenlieder, darunter Ein(e) feste Burg ist unser Gott oder das Weihnachtslied Vom Himmel hoch, da komm ich her, hat der Ludder-Sänger harmonisch verändert, quasi reformiert, die Texte aber original belassen. Ergebnis:

„Man hört das Lied überlegt: Mensch, das klingt wie ein Radiosong, aber irgendwie auch nicht. Warum ist das denn so? Ok, das ist die alte Sprache.”

Im zugehörigen Video flitzt der Verkehr im Zeitraffer durch die Stuttgarter City, laufen Menschen über den Schlossplatz, dazu wippt ein Playmobil-Luther im Takt des Chorals mit dem Arm und bewegt den Mund, wahlweise auch auf Englisch: „A mighty fortress is our God.”

Zusammengetan hatten sich Deine Ludder ursprünglich zur musikalischen Gestaltung der Church Night, des Jugendgottesdienstes zum Reformationstag, veranstaltet vom Jugendwerk der württembergischen Landeskirche. Aus der „Schnapsidee, Luthers Choräle zu reformieren” wurde eine handfeste Strategie, erinnert sich Martin. Mittlerweile ist der 30-Jährige auch nicht mehr allein für die Arrangements der Stücke zuständig, sie entstehen in Teamarbeit. Von den übrigen Bandmitgliedern ist nur Gitarrist Kilian Mohns Berufsmusiker. Martin ist Pfarrer, Drummer Manuel Geiger arbeitet als Sozialpädagoge, Bassist Raphael Waldbüßer studiert noch, Keyboarder Robert Wolf ist Ingenieur – übrigens der einzige Nicht-Schwabe derGruppe. Er stammt aus dem Erzgebirge.

Ganz im Sinne Martin Luthers, der sich mit einem Gelehrten-Team unter der Federführung Philipp Melanchthons umgab, arbeitet auch die Band gut vernetzt – und ohne weibliche Beteiligung. Was die Musiker schade finden, aber „bei den typischen Instrumenten einer Rockband sind die Frauen unterrepräsentiert”, mussten sie feststellen. Die Formation hat trotzdem eine Menge Spaß und „viel Bock auf 2017”, wo unter anderem ein Auftritt beim Schülertag in Eisenach ansteht. Zuvor fiebern Deine Ludder der Veröffentlichung ihres ersten Albums am 22. Oktober 2016 entgegen. Einen Namen hat es nicht. Damit niemand voreilige Schlüsse zieht – oder Fußball-Vergleiche anstellt.

martin-ergenzingerEingeleitet hat es Martin Ergenzinger aber mit:

„Er hieß Martin, so wie ich.”

 

 

INFO: Bands, die sich an den neu arrangierten Luther-Chöralen ausprobieren wollen, können die Noten für drei Stücke auf der Webseite der Churchnight kostenlos downloaden. Für weitere Hilfestellungen oder Fragen zur Aufführung der „reformierten Musik“ sind Martin Ergenzinger und seine Band hier erreichbar.

 

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