Die Welt im Zelt: Dresdner Jugendtreffen sucht Reformer

FrauenkircheIm Programmheft steht vor Pablos Namen ein Doktortitel. Der junge Mann aus Guatemala hatte mit den weitesten Anfahrtsweg. Nur eine Gruppe Indonesier übertrifft seine zurückgelegten Kilometer nach Dresden. Auf den akademischen Titel angesprochen, lächelt er. „Ja, bin mit der Uni fertig”, lautet die Reaktion. Pablo Solórzano ist Arzt. Als einer der wenigen Teilnehmenden der Peace Academy hat er bereits einen Berufsabschluss. Die Mehrheit der 400 jungen Frauen und Männer aus 37 Nationen, die sich Pfingsten 2016 in der Zeltstadt vor der Frauenkirche eingefunden hat, ist jünger als Pablo mit seinen 28 Jahren. Es sind viele Studierende darunter. Einige „machen was mit Theologie”, wieder sticht der einzige Vertreter Guatemalas heraus.

„Die Bevölkerung bewirkt den Wandel, nicht die Politik“

Pablo Solórzano wiederum findet, dass er sich nicht abhebt von den anderen. „Für uns alle stehen das Wort und das Wirken Martin Luthers im Fokus. Wir bringen die Kirche zu den Menschen. Wir sind der Beweis, dass Glaube alltagstauglich ist.” Sein Workshop greift das auf, es geht um die Bewältigung weltweiter Krisen durch Bildung. „Konflikte ergeben sich aus der Beziehung von Staaten zueinander, ihrer Politik oder den herrschenden Eliten.” Beispiele fallen ihm viele ein: Syriens Bürgerkrieg, die Menschenrechtsverletzungen in der Türkei, der Bergkarabach-Konflikt zwischen Armenien und Aserbaidschan, die russische Annexion der Krim. Oder die Vetternwirtschaft in Lateinamerika. Auch sein Land, weiß der junge Mann, ist betroffen. Die Kirche sei in der Lage, Räume für Bildung und Begegnung zu schaffen, und Krisen oder Vorurteilen damit die Stirn zu bieten. „Die Bevölkerung bewirkt den Wandel, nicht die Politik. Wie vor 500 Jahren”, sagt Pablo, in Anspielung auf die Reformation. Bezogen auf das Jahr 1989 hätte er auch recht. Vor 27 Jahren demonstrierten DDR-Bürger – wiederum in Kirchen – friedlich für Reformen. Ohne die politische Wende stünden an diesem Nachmittag keine Peace-Academy-Zelte auf dem Neumarkt in Dresden. Und keine Frauenkirche würde sich dahinter erheben. Das Motto der internationalen Jugendbegegnung, das auf gelben Bannern Wind flattert, heißt (wieder): Reformer. Ändern verändert.

Pablo
Pablo Solórzano aus Guatemala hat mit die meisten Kilometer für seine Teilnahme an der Peace Academy zurückgelegt. Nur eine Gruppe Indonesier toppte den Arzt, der sich als Workshopleiter einbringt.

Pablo Solórzano gehört der jüngsten Kirche Guatemalas an. Lutherische Gemeinden schlugen spät Wurzeln in dem katholisch geprägten Land. Viel Engagement hänge am Ehrenamt, berichtet er. Sein Beitrag ist, Kinder zu unterrichten. Pablos Familie ist seit drei Generationen in der Evangelisch-Lutherischen Kirche der Stadt San Marcos in der Sierra Madre verwurzelt. Sein Großvater war Pfarrer. Der Enkel bestreitet sein Ehrenamt mit einem Budget von 500 Euro jährlich, das er in Unterrichtsmaterial investiert. Die Reise nach Dresden schlug ihm sein Bischof vor. „Meine Tätigkeit bekommt dadurch eine größere Reichweite”, sagt er dankbar. Chance makes difference, steht auf Pablos T-Shirt. Gelegenheit macht den Unterschied. Als er sich aufrichtet, glättet sich der Stoff. Change makes difference, heißt der Spruch jetzt.

Für viele deutsche Teilnehmende steht die Begegnung mit anderen Nationen im Zentrum der Peace Academy. Die Welt ist zu Gast im Zelt, löffelt gemeinsam Nudeln mit Pesto, trinkt aus Kunststoff-Festival-Bechern. Dresden-Touristen, die einen Foto-Stopp einlegen, linsen neugierig durch die weißen Planen. In der Regel bemerken die Jugendlichen die Zaungäste nicht, so vertieft sind sie ins Gespräch.

Sarah
Sarah Listner hilft als Freiwillige bei der Organisation der Peace Academy mit.

Damit Verständigung nicht an einer (fremden) Sprache scheitert, sind freiwillige Übersetzer im Einsatz. Sarah Listner koordiniert das Team. Trotz des Stimmengewirrs auf dem Neumarkt wirkt die 24-Jährige entspannt. „Ich hatte acht Stunden Schlaf”, begründet sie. Andere sind an diesem Pfingstsonntag offenbar auch ausgeschlafen. Die Teilnehmenden hocken gruppenweise zusammen, relaxen, reflektieren die Reformer-Workshops, schmieden Pläne, schießen Selfies. In auffällig vielen Reformer-Workshops sei eine nachhaltigere Lebensweise Thema, hat Sarah beobachtet. „Veränderter, bewussterer Konsum, Ressourcen teilen, Müll vermeiden. Es geht außerdem darum, wie man miteinander umgeht.” Beim Aspekt gesellschaftlicher Veränderungen klinkt sich Pablo wieder ein. Er hat Fotos seines Workshops auf dem Smartphone aufgerufen. Sie zeigen eine Gruppe junger Leute beim Malen. „Wir haben die Farben aus den Flaggen unserer Länder verwendet, ein friedliches Motiv zu gestalten.” Das Ergebnis ist eine ruhige See mit weitem Horizont. Pablo tippt darauf, um den Ausschnitt zu vergrößern. Das Bild springt weiter, auf einen ausbrechenden Vulkan. Die Konflikte sind zurück.

Dem Reformationsjubiläum 2017 nähert sich das Treffen behutsam an. Das alles beherrschende Thema sei es noch nicht, stellte Sarah Listner fest. „Es fällt schwer, soweit vorauszudenken”, wagt sie eine Begründung. 500 Jahre Reformation mitzutragen, sollte auch ohne lange Vorbereitung funktionieren, meint die Dresdnerin. „Glaube ist doch mal mehr, mal weniger präsent im Alltag, je nach Lebensstation.” Sarah stammt wie Pablo aus einer evangelisch geprägten, sächsischen Familie. Wie problematisch kirchliche Zugehörigkeit in der DDR war, weiß sie aus Erzählungen der Eltern. „Sie wurden in der Schule diskriminiert, weil sie keine Pioniere waren und statt Jugendweihe Konfirmation gemacht haben.” Nach dem Schulabschluss absolvierten beide eine Ausbildung. Ob sich ein etwaiger Studienwunsch aufgrund ihres Glauben zerschlagen hatte, kann Sarah nicht sagen. Auszuschließen wäre es aber nicht. Gegen Diskriminierung anderer Art setzt sich 2016 die Tochter ein: Sarah Listner gehört der Initiative Dresden, offen und bunt gegen Fremdenhass an. Gelegenheit macht den Unterschied.

 

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